Fernkommunikation: Von Leuchtfeuer bis ósanwe in Mittelerde

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Die ‚Herr der Ringe‘-Filme sind Klassiker für die Weihnachtszeit. Die mythologische Vergangenheit von J.R.R. Tolkien ist so einflussreich, dass er sogar eine niederländische Stadt, Geldrop, dazu inspirierte, Straßen nach den Bewohnern von Mittelerde zu benennen. Wie Tolkien-Fans wissen, gibt es in Mittelerde viele Möglichkeiten für die verschiedenen Bewohner, über große Entfernungen zu kommunizieren. Die Leuchtfeuer von Gondor, das Horn von Boromir, die Adler von Manwë und die Kriegstrommeln der Orks gehören zu einigen fantastischen Beispielen. Doch selbst Fans wissen vielleicht nicht, dass dies alles durchaus im Einklang mit der Vergangenheit ist. Fernkommunikation war in der gesamten Menschheitsgeschichte von entscheidender Bedeutung und ist offensichtlich kein Phänomen der Neuzeit. Aber wie kommunizierten die Menschen auf Distanz, bevor es Smartphones gab?

Eine rauchige Angelegenheit
Vor Tausenden von Jahren war Fernkommunikation eine Frage des Überlebens, vielleicht mehr als heute. Unter ständiger Bedrohung durch Angriffe erfand die Menschheit visuelle Nachrichtensysteme, sogenannte Semaphoren. Diese Systeme verwendeten Rauch, Lichter, Flaggen und alles, was in der Ferne sichtbar war. Von indigenen Stämmen Nordamerikas bis hin zu den alten Griechen nutzten die Menschen Rauchwolken, um einfache Botschaften zu übermitteln, aber vor allem, um Gefahren zu signalisieren. Auch heute noch werden Rauchzeichen verwendet, zum Beispiel wenn weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle quillt, um die Wahl eines neuen Papstes zu signalisieren.

Während Rauchsignale generell nützlich waren, war die Anzahl der Nachrichten die man mit ihnen übermitteln konnten jedoch ziemlich begrenzt. Aus diesem Grund entwickelten die Menschen verschiedene semaphorische Alphabete. Flaggensemaphore zum Beispiel kennzeichnen Buchstaben, indem Flaggen in einem bestimmten Muster geschwenkt werden, und können beliebige Nachrichten übermitteln. Frankreich war das erste Land das ein groß angelegtes Semaphor-Netzwerk einführte, das einst Paris mit Amsterdam verband und während der napoleonischen Kriege verwendet wurde. Ironischerweise wurden die Formsignale, die hauptsächlich auf Schlachtfeldern verwendet wurden, zu einem Symbol für den Frieden. Das allgemein bekannte Friedenssymbol ist eine grafische Darstellung der Semaphorbuchstaben N und D, was so viel wie „nukleare Abrüstung“ bedeutet.

Abgesehen von rein visuellen Methoden zur Fernkommunikation haben die Menschen im Laufe der Zeit auch Systeme entwickelt um große Entfernungen mit Ton zu überwinden, wobei alles verwendet wurde was weiter reicht als die menschliche Stimme. Glocken, Hörner, Pfeifen und Trommeln sind nur einige davon. Hörner waren hier zum Beispiel ein wichtiges Verständigungsmittel für die römischen Armeen, um Angriffe auf dem Schlachtfeld zu kommunizieren, und wurden von Postreitern verwendet um die Dorfbewohner über ihre Ankunft zu informieren. Moderne Versionen von Hörnern werden übrigens immer noch verwendet, hauptsächlich für zeremonielle Zwecke, wobei viele Länder Hörner als Logo für ihre nationalen Postdienste haben. Im Gegensatz zu Semaphorsystemen hatte dieses System nicht sofort einen alphabetischen Code, sondern man versuchte Trommeln und Pfeifen zu verwenden um die Sprache selbst zu imitieren (Lies mehr über Trommel- und Pfeifsprachen in diesem Blog und in diesem Blog).

SOS!
Visuelle und akustische Signale, die von einem Dorf zum anderen weitergegeben wurden, konnten Nachrichten so innerhalb von Stunden über Hunderte von Kilometern transportieren und waren somit viel schneller als Reiter oder Brieftauben. Ein entscheidender Nachteil jedoch war, dass diese Art der Kommunikation sehr vom jeweiligen Gelände und dem Wetter eingeschränkt wurde. In dichten Wäldern, hohen Bergen und bei Gewitter war es überaus schwierig, Rauchsignale zu sehen oder Trommeln zu hören. Hierfür wurde im frühen 19. Jahrhundert ein anderes System entwickelt, um für eine stabile Kommunikation zu sorgen: Ein elektrischer Telegraf.

Der Telegraph verwendete Stromimpulse um Nachrichten über ein Kabel zu senden, und ersetzte letztendlich die meisten bestehenden Fernkommunikationssysteme. Unter Verwendung eines standardisierten Codes, der sogenannte Morsecode, wurden elektrische Signale in Punkte und Striche umgewandelt und Buchstabenfolgen codiert. Das internationale Notsignal SOS setzt sich beispielsweise aus der Morsecode-Folge (… – – – …) zusammen. Elektrische Telegrafen machten die Kommunikation schneller und effizienter und brachten einen weiteren großen Vorteil mit sich: die Privatsphäre. Aber mit fortschreitender Technologie wurden auch sie ersetzt – zuerst durch Telefone, Radios und Fernseher; und jetzt mit Mobiltelefonen und dem Internet, welche eine völlig neue Ebene der globalen Kommunikation eingeläutet haben.

In die Zukunft … und darüber hinaus?
Evolutionär gesehen haben wir im vergangenen Jahrhundert in relativ kurzer Zeit gigantische technologische Sprünge gemacht. Mit so einer Geschwindigkeit könnten Smartphones bald als Kuriositäten in Museen ausgestellt werden. Was werden uns die moderne Technologie und die wissenschaftliche Entwicklung in den folgenden Jahrzehnten bieten? Nehmen wir zum Beispiel Brain-to-Brain Interface, eine Technologie, die eine direkte Übertragung von Gehirnaktivität ermöglicht. Obwohl sich diese Technologie noch in der frühen Entwicklungsphase befindet, hat sie das Potenzial, die Art und Weise, wie wir in Zukunft kommunizieren, zu verändern (ob wir es wollen oder nicht; siehe diesen Essay). Somit könnten Tolkiens Fantasien tatsächlich wahr werden und wir sind irgendwann auch zu (synthetischer) telepathischer Kommunikation fähig, genau wie ósanwe zwischen Galadriel und Elrond …

Quellen und weitere Infos

  • Dilhac, J-D. (2001). The Telegraph of Claude Chappe: An optical telecommunication network for the 18th century. IEEE Conference on the History of Telecommunications.
  • Gleick, J. (2011). The information: A history, a theory, a flood. Pantheon: Random House.
  • Grau, C. et al (2014). Conscious brain-to-brain communication in humans using non-invasive technologies. PLOS ONE 9, 1–6.
  • Holzmann, G.J, & Pehrson, B. (1994). The Early History of Data Networks. Wiley.
  • Huurdeman, A. A. (2003). The Worldwide History of Telecommunications. Wiley.
  • Jiang, L. et al. (2019). BrainNet: A Multi-Person Brain-to-Brain Interface for Direct Collaboration Between Brains. Sci Rep 9, 6115.

Autor: Hatice Zora
Redakteur: Sophie Slaats
Niederländische Übersetzung: Lynn Eekhof
Deutsche Übersetzung: Barbara Molz