Soziale Identität beeinflusst Sprachverarbeitung: Ein Interview mit Dr. Sara Iacozza

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Dr. Sara Iacozza promovierte am Max Planck Institut für Psycholinguistik. Ihre Doktorarbeit “Exploring social biases in language processing” verteidigte sie am 6. Juni 2020.

1. Worin bestand die Hauptfragestellung Deiner Dissertation?
In meiner Dissertation habe ich untersucht, ob die soziale Identität eines Sprechers oder einer Sprecherin einen Einfluss darauf hat, wie Menschen neu gelernte Wörter verarbeiten. Ganz speziell habe ich mir dabei den Zusammenhang zwischen Gruppenzugehörigkeit und Sprachverarbeitung angeschaut, wobei “Gruppenzugehörigkeit” sich hier auf soziale Gruppen bezieht. Menschen, die Teil der eigenen sozialen Gruppe sind, werden als “in-group-Mitglieder” bezeichnet; Menschen außerhalb der eigenen Gruppe sind “out-group-Mitglieder”. Ein Beispiel hierfür ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Studierenden, die die gleiche Universität besuchen wie man selbst. Ein/e GesprächspartnerIn kann als “in-group-Mitglied” wahrgenommen werden, wenn er oder sie an derselben Universität studiert wie man selbst, oder als “out-group-Mitglied”, wenn er oder sie an einer anderen Universität studiert.

Sara Iacozza
2. Kannst Du mir den theoretischen Hintergrund etwas mehr erklären?
Viele Theorien zur Sprachverarbeitung gehen davon aus, dass nur linguistische Informationen (zum Beispiel Wörter) im Gedächtnis gespeichert werden, während Informationen zum Kontext und zur Identität des Sprechers oder der Sprecherin “ausgesiebt” werden. Im Bereich der Sozialpsychologie haben aber einige Studien gezeigt, dass Informationen zur Gruppenzugehörigkeit sehr salient (also bedeutsam) sind und Auswirkungen auf Wahrnehmung, Gedächtnis und Aufmerksamkeit haben können. Wir bevorzugen in-group-Mitglieder gegenüber out-group-Mitgliedern, schenken ihnen mehr Aufmerksamkeit und können uns besser an sie erinnern.

3. Warum ist eine Antwort auf diese Frage wichtig?
Natürlich hat Sprache hat einen kommunikativen Zweck und findet in sozialen Situationen statt. Die Dynamik in einer sozialen Situation kann beeinflussen, mit wem wir reden, und worüber. Wenn wir genauer untersuchen, ob Menschen sich besser an Informationen aus Gesprächen mit in-group-Mitgliedern erinnern können, erlaubt uns das, Tendenzen zu Klischeevorstellungen, Vorurteilen und Rassismus besser zu verstehen. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen können wir dann in Zukunft daran arbeiten, solche Tendenzen zu überwinden.

4. Kannst Du uns etwas mehr über ein bestimmtes Projekt (Frage, Methode, Ergebnis) erzählen?
In unserem Experiment haben die StudienteilnehmerInnen – Studierende an der Radboud Universität in Nimwegen – neue Wörter für ihnen unbekannte Objekte gelernt (zum Beispiel “Löffelklemme”). Die SprecherInnen, von denen neue Wörter gelernt wurden, waren entweder in-group-Mitglieder (Studierende an der Radboud Universität) oder out-group-Mitglieder (Studierende einer anderen Universität). Wir haben Aufmerksamkeit mit hilfe von einem Gedächtnistest gemessen, der zeigt, ob die StudienteilnehmerInnen sich daran erinnerten, welche Person was gesagt hat. Die StudienteilnehmerInnen waren tatsächlich aufmerksamer, wenn sie die neuen Wörter von einer Sprecherin oder einem Sprecher aus ihrer in-group lernten statt von einem out-group-Mitglied. Das war allerdings nur der Fall für StudienteilnehmerInnen, die schon mit einer starken Präferenz für in-group-Zugehörigkeit ins Labor kamen.

5. Was ist Deine wichtigste Erkenntnis?
Ein unerwartetes Ergebnis eines unserer Experimente war, dass Gruppenzugehörigkeit keinen Einfluss darauf zu haben scheint, wie neu gelernte Wörter im Gehirn verarbeitet werden. Das ist sehr interessant, denn wir hatten in einer vorherigen Studie ja herausgefunden, dass Gruppenzugehörigkeit durchaus einen Einfluss auf das Gedächtnisvermögen hat. Ein möglicher Grund für diese widersprüchlichen Ergebnisse könnte sein, dass die TeilnehmerInnen in der einen Studie eine lange, intensive Übungsphase vor dem eigentlichen Experiment erhalten haben. Diese ausgiebige Übungsphase könnte die ursprünglichen Unterschiede in der Erinnerungsfähigkeit reduziert haben. Wir haben diese Möglichkeit noch nicht genauer untersucht, aber sie könnte interessante Hinweise darauf geben, wie wir Vorurteile bekämpfen können: nämlich, indem wir uns ausgiebig mit der out-group beschäftigen.

6. Welche Folgen hat diese Erkenntnis? Wie bringt sie die Wissenschaft oder die Gesellschaft voran?
Meine Forschung ist ein erster Versuch zu verstehen, ob die Gruppenzugehörigkeit Einfluss darauf hat, wie Menschen neue Wörter lernen. Dabei habe ich mich speziell mit Sprachverarbeitung, Gedächtnis und Aufmerksamkeit beschäftigt. Anzuerkennen, dass diese Art von Forschung wichtig ist, ist ein Schritt in die richtige Richtung – das ist meiner Meinung nach schon ein großer Erfolg! Wir brauchen in Zukunft aber noch viel mehr Forschung an der Schnittstelle zwischen Sozialpsychologie und Kognitionswissenschaft.

7. Was willst Du als nächstes tun?
Ich möchte das, was ich während meiner Promotion gelernt habe, gerne “im echten Leben” anwenden. Zurzeit arbeite ich als Forscher für Digital Attitude, wo wir digitale Unterstützung für Unternehmen entwickeln, die E-Learning verwenden.

 

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Link zur Dissertation

 

Interviewerin: Merel Wolf
Redakteurin: Julia Egger
Niederländische Übersetzung: Caitlin Decuyper
Deutsche Übersetzung: Greta Kaufeld
Endredaktion: Merel Wolf

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