{"id":783,"date":"2021-02-08T09:00:12","date_gmt":"2021-02-08T08:00:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/?p=783"},"modified":"2021-12-01T11:26:17","modified_gmt":"2021-12-01T10:26:17","slug":"interview-mit-einer-doktorin-dr-limor-raviv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/?p=783&lang=de","title":{"rendered":"Gruppengr\u00f6\u00dfe beeinflusst Sprachwandel: Ein Interview mit Dr. Limor Raviv"},"content":{"rendered":"<p><strong>1. Worin bestand die Hauptfragestellung Deiner Dissertation?<\/strong><br \/>\nIch habe untersucht, ob die Struktur von Sprachen durch das soziale Umfeld beeinflusst wird, zum Beispiel die Gr\u00f6\u00dfe oder Struktur der Gesellschaft, in der sich eine Sprache entwickelt. Ich wollte herausfinden, ob Unterschiede im sozialen Umfeld erkl\u00e4ren k\u00f6nnten, warum es so viele verschiedene Sprachen auf der Welt gibt, und warum diese Sprachen teilweise so erstaunlich unterschiedlich voneinander sind.<\/p>\n<figure id=\"attachment_387\" aria-describedby=\"caption-attachment-387\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-387\" src=\"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Limor_Raviv.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-387\" class=\"wp-caption-text\">Limor Raviv<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>2. Kannst Du mir den theoretischen Hintergrund etwas mehr erkl\u00e4ren?<\/strong><br \/>\nWir wissen bereits, dass sich manche Unterschiede zwischen Sprachen auf Umgebungsfaktoren zur\u00fcckf\u00fchren lassen, wie zum Beispiel das Klima oder die Landschaft, in der eine Gesellschaft lebt. Diese Umgebungsfaktoren k\u00f6nnen die Grammatik und Laute einer Sprache beeinflussen. In manchen Sprachen, wie zum Beispiel Mandarin (eine chinesische Sprache), bestimmt der Tonverlauf, welche Bedeutung ein Wort hat. [M\u00e1], mit steigender Tonh\u00f6he, bedeutet \u2018Hanf\u2019; [m\u00e0], mit fallender Tonh\u00f6he, bedeutet \u2018schimpfen\u2019. Diese feinen tonalen Unterschiede erfordern eine sehr genaue Kontrolle \u00fcber die Stimmb\u00e4nder. Sprachen, die in k\u00e4lteren und trockenen Umgebungen gesprochen werden, gebrauchen in der Regel keine tonalen Unterschiede, weil die kalte und trockene Luft es schwieriger macht, die Stimmb\u00e4nder pr\u00e4zise genug zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist das Ziel von Sprache nat\u00fcrlich die Kommunikation, darum ist es sehr wahrscheinlich, dass Sprachen sich unterscheiden, wenn es in der Gesellschaft unterschiedliche soziale Bed\u00fcrfnisse gibt. Eine fr\u00fchere Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass die Morphologie einer Sprache mit der Anzahl der SprecherInnen zusammenh\u00e4ngt. \u201cMorphologie\u201d bezeichnet die Art, wie W\u00f6rter ver\u00e4ndert werden um zum Beispiel Tempus (Deutsch: arbeiten &#8211; arbeitete; Englisch: work &#8211; worked) und Kasus auszudr\u00fccken (Deutsch: der Mann &#8211; des Mannes; Englisch: the man &#8211; the man\u2019s) oder Adverbien zu bilden (Englisch: happy &#8211; happily). Sprachen mit mehr SprecherInnen wiesen in der Studie eine weniger komplexe Morphologie auf. Allerdings war weitere Forschung n\u00f6tig, um zu untersuchen, ob die gr\u00f6\u00dfere Sprechergruppe tats\u00e4chlich der Grund dahinter war, dass Sprachen weniger komplex wurden.<\/p>\n<p><strong>3. Warum ist eine Antwort auf diese Frage wichtig?<\/strong><br \/>\nEs ist bemerkenswert, wie viele verschiedene Sprachen es gibt: ungef\u00e4hr 7000! Diese Sprachen unterscheiden sich stark voneinander, nicht nur hinsichtlich der W\u00f6rter und Laute, die sie beinhalten, sondern auch hinsichtlich der grammatischen Struktur. Schon seit sehr langer Zeit versuchen Menschen, diese Diversit\u00e4t der Sprachen zu erkl\u00e4ren. Denken Sie zum Beispiel an den Turmbau zu Babel in j\u00fcdisch-christlichen Glaubensrichtungen. Aber wir wissen noch immer nicht genau, warum Sprachen so unterschiedlich voneinander sind und wie diese Unterschiede sich mit der Zeit entwickeln<\/p>\n<p><strong>4. Kannst Du uns etwas mehr \u00fcber ein bestimmtes Projekt erz\u00e4hlen?<\/strong><br \/>\nIn einem Projekt habe ich untersucht, ob die Gruppengr\u00f6\u00dfe die grammatische Komplexit\u00e4t einer Sprache beeinflusst, w\u00e4hrend sich die Sprache entwickelt. Selbstverst\u00e4ndlich erfordert nat\u00fcrliche Sprachevolution mehrere Generationen, darum habe ich ein Spiel entwickelt, in dem eine Gruppe von Menschen gemeinsam eine neue Sprache entwickelte &#8211; innerhalb einiger Stunden und ohne den Gebrauch der eigenen Sprache. TeilnehmerInnen wurden entweder einer kleinen Gruppe mit insgesamt vier Spielern zugeordnet, oder einer gro\u00dfen Gruppe mit acht Spielern. Im Spiel sollten sie unterschiedliche Szenen beschreiben, die ich kreiert hatte. Die 23 Szenen bestanden aus vier verschiedenen Formen, die sich in 16 unterschiedliche Richtungen bewegen konnten (Video untern).<\/p>\n<div style=\"width: 640px;\" class=\"wp-video\"><video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-783-1\" width=\"640\" height=\"360\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/8stimuli.mp4?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/8stimuli.mp4\">https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/8stimuli.mp4<\/a><\/video><\/div>\n<p>Zu Beginn des Spiels wurden die TeilnehmerInnen jeder Gruppe in Zweierpaare eingeteilt. Ein\/e Teilnehmer\/in schlug ein neues Wort f\u00fcr eine Szene vor, und der\/die Partner\/in sollte raten, auf welche Szene sich diese neue Wort bezog. Dann wurden die Rollen getauscht. So ging es mit verschiedenen Szenen hin und her, bis die Runde endete. In der n\u00e4chsten Runde wurden die TeilnehmerInnen einem\/r neuen Partner\/in zugeordnet und spielten das Spiel erneut. Jetzt hatten sie allerdings schon W\u00f6rter f\u00fcr einige Szenen, die sie gebrauchen und ver\u00e4ndern konnten. So kreierten die Gruppen \u00fcber mehrere Runden eine eigene Sprache. Ich habe mir dann angeschaut, ob die neuen Sprachen von gr\u00f6\u00dferen und kleineren Gruppen sich hinsichtlich der grammatischen Komplexit\u00e4t unterschieden. Au\u00dferdem habe ich untersucht, ob die Gruppengr\u00f6\u00dfe einen Einfluss darauf hatte, wie lange die TeilnehmerInnen brauchten, um sich auf eine gemeinsame Sprache zu \u201ceinigen\u201d.<\/p>\n<p><strong>5. Was ist Deine wichtigste Erkenntnis?<\/strong><br \/>\nIch habe entdeckt, dass gr\u00f6\u00dfere Gruppen eher dazu neigten, systematische Grammatiken zu entwickeln. Das hei\u00dft, sie haben oft unterschiedliche Wort-Teile kreiert, um die vier verschiedenen Formen und die m\u00f6glichen Bewegungsrichtungen zu beschreiben. Diese Wort-Teile wurden dann kombiniert, um ein zusammengesetztes Wort (Kompositum) zu bilden, das eine ganz bestimmte Form mit einer bestimmten Richtung beschreiben konnte. Kleinere Gruppen waren da nicht so systematisch: Sie entwickelten strukturierte Grammatik langsamer und auch weniger stark ausgepr\u00e4gt (Bild 1).<\/p>\n<p>In einem weiteren Experiment habe ich diese neu kreierten Sprachen zus\u00e4tzlichen SprecherInnen beigebracht, die noch keine Erfahrung mit den \u201causgedachten\u201d Sprachen hatten. So konnte ich testen, ob systematische Sprachen leichter zu lernen sind als solche, die weniger systematisch sind. Und tats\u00e4chlich: Es fiel SprecherInnen leichter, eine systematische Sprache zu lernen als eine mit weniger klarem System.<\/p>\n<figure id=\"attachment_521\" aria-describedby=\"caption-attachment-521\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-521\" src=\"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/big-vs-small-groups-1024x309.png\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"400\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-521\" class=\"wp-caption-text\">Bild 1. Links: Sprache, die von einer kleinen Gruppe erstellt wurde. Rechts: Sprache, die von einer gro\u00dfen Gruppe erstellt wurde.<br \/>Die gro\u00dfe Gruppe verwendet ein komplexes grammatikalisches System, um verschiedene Richtungen anzugeben, w\u00e4hrend dies in der kleinen Gruppe weniger der Fall ist<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>6. Welche Folgen hat diese Erkenntnis? Wie bringt sie die Wissenschaft oder die Gesellschaft voran?<\/strong><br \/>\nWir haben herausgefunden, dass gro\u00dfe Gruppen eher strukturierte Sprachen entwickelten, und dass sie dabei schneller und einheitlicher sind als kleine Gruppen. Diese entwickelten manchmal Sprachen, die unregelm\u00e4\u00dfiger und weniger systematisch waren. Das best\u00e4tigt fr\u00fchere Beobachtungen, dass \u201cechte\u201d Sprachen, die von kleinen Gesellschaften gesprochen werden, oft komplexer sind.<\/p>\n<p>Das Lernexperiment zeigte au\u00dferdem, dass eine Sprache schwerer zu lernen ist, wenn sie viele Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten und eine weniger systematische grammatische Struktur hat. Das ist wichtig f\u00fcrs Lernen von Fremdsprachen und k\u00f6nnte auch Implikationen f\u00fcr Unterrichtsstrategien haben.<\/p>\n<p>Zuletzt sind durch meine Forschung auch viele neue Fragen aufgekommen: Wenn Sprachen sich an die Gr\u00f6\u00dfe der Gesellschaft \u201canpassen\u201d, welche anderen sozialen Aspekte spielen dann vielleicht auch eine Rolle?<\/p>\n<p><strong>7. Was willst Du als n\u00e4chstes tun?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde meine Forschung gern weiterf\u00fchren und untersuchen, wie Sprachen von anderen gesellschaftlichen Merkmalen beeinflusst werden, wie zum Beispiel Alter oder Geschlechterdiversit\u00e4t. Es wird zum Beispiel vermutet, dass Frauen und Teenager die \u201ctreibende Kraft\u201d hinter Sprachwandel sind &#8212; dass sie innovativer sind und sich schneller an Ver\u00e4nderungen anpassen. Was w\u00fcrde also passieren, wenn die Gruppen in meinem Sprachspiel unterschiedliche Zusammensetzungen aus j\u00fcngeren und \u00e4lteren SprecherInnen h\u00e4tten, oder eine unterschiedliche Anzahl an M\u00e4nnern und Frauen? Wie unterschiedlich w\u00e4ren die Sprachen von solchen Gruppen? Und w\u00e4ren Frauen und j\u00fcngere TeilnehmerInnen tats\u00e4chlich die InitiatorInnen von Sprachwandel? Diesen Fragen werde ich in Zukunft weiter auf den Grund gehen.<br \/>\n<strong>Lest weiter<\/strong><br \/>\n&#8211; <a href=\"https:\/\/repository.ubn.ru.nl\/bitstream\/handle\/2066\/218744\/218744.pdf?sequence=1\">Link<\/a> zur Dissertation<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Interviewerin: Merel Wolf<br \/>\nRedakteurin: Julia Egger<br \/>\nNiederl\u00e4ndische \u00dcbersetzung: Caitlin Decuyper<br \/>\nDeutsche \u00dcbersetzung: Greta Kaufeld<br \/>\nEndredaktion: Merel Wolf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/twitter.com\/Limor_Raviv\">Dr. Limor Raviv<\/a> promovierte am Max Planck Institut f\u00fcr Psycholinguistik. Am 7. Mai 2020 verteidigte sie ihre Dissertation mit dem Titel \u201cSprache und Gesellschaft: Wie soziale Faktoren grammatische Strukturen beeinflussen\u201d.<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":750,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[73,147],"tags":[138,160],"class_list":["post-783","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-language-evolution-de","category-interview-with-a-phd-graduate-de","tag-language-evolution-de","tag-interview-with-a-phd-graduate-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/783","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=783"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/783\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1580,"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/783\/revisions\/1580"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/750"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=783"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=783"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mpi-talkling.mpi.nl\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=783"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}