Von „mehr“ zu „Meer“: Wie Babys Sehen und Hören beim Spracherwerb kombinieren

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Ein Interview mit Dr. Melis Cetincelik

Was war die zentrale Fragestellung Ihrer Dissertation?

In meiner Dissertation untersuchte ich, wie Babys Sprache lernen, mit Fokus nicht nur auf dem, was sie hören, sondern auch auf den visuellen und sozialen Signalen ihrer Gesprächspartner. Stellen Sie sich eine Bezugsperson vor, die mit ihrem Baby spricht: Sie verwendet nicht nur Wörter, sondern auch Blickkontakt, Mimik, schaut sich um und bewegt den Mund passend zur Sprache. Diese visuellen Signale sind ein natürlicher Bestandteil der Kommunikation, doch wir wissen erstaunlich wenig darüber, wie sie den frühen Spracherwerb prägen. Sind Babys aufmerksamer oder lernen sie besser, wenn sie direkt angesehen werden? Hilft ihnen die Beobachtung von Mundbewegungen bei der Sprachverarbeitung? Meine Dissertation erforschte diese Fragen, indem sie untersuchte, wie Babys in verschiedenen sozialen und visuellen Kontexten auf Sprache reagieren.

Können Sie den (theoretischen) Hintergrund etwas genauer erläutern?

Viele traditionelle Theorien der Sprachentwicklung konzentrieren sich auf das, was Kinder hören. Doch im wirklichen Leben ist Sprache nicht nur etwas, das wir hören – wir sehen sie auch. Wenn Bezugspersonen und Babys miteinander interagieren, gibt es Blickkontakt, Mimik und sichtbare Mundbewegungen, die mit der Sprache einhergehen. Theorien des sozialen Lernens und der Entwicklungspsychologie legen nahe, dass diese visuellen und sozialen Signale Babys beim Lernen helfen, indem sie ihre Aufmerksamkeit steuern und das Sprachverständnis zusätzlich unterstützen. Studien zeigen außerdem, dass das Gehirn von Babys die Rhythmen der Sprache wahrnehmen kann und beispielsweise Silben (z. B. die drei Silben im Wort „Ba-na-ne“) und Betonungsmuster (z. B. die Betonung der mittleren Silbe in „Ba-NA-ne“) erfasst. Diese Wahrnehmung der Rhythmen kann ihnen helfen, Sprache in sinnvolle Einheiten zu gliedern. Meine Forschung verknüpft diese Erkenntnisse, indem sie untersucht, wie das Gehirn von Babys auf Sprache reagiert, wenn sie die sprechende Person gleichzeitig sehen. Dies trägt dazu bei, zu verstehen, wie Sehen und Hören gemeinsam den frühen Spracherwerb unterstützen können.

Warum ist es wichtig, diese Frage zu beantworten?

Um zu verstehen, wie Kinder Sprache erlernen, ist es wichtig zu beobachten, wie sie diese im Alltag durch Hören und Sehen erfahren. Die Untersuchung, wie visuelle Signale wie Blickrichtung und Mundbewegungen die Sprachverarbeitung beeinflussen, hilft uns zu verstehen, wie verschiedene Informationsarten in der frühen Sprachentwicklung zusammenwirken. Dieses Wissen ist auch in der Praxis nützlich. Wenn wir wissen, was Babys beim Lernen am besten unterstützt, können wir Betreuungspersonen gezieltere Ratschläge geben und bessere Strategien für die frühkindliche Bildung entwickeln.

Können Sie uns ein konkretes Projekt beschreiben (Fragestellung, Methode, Ergebnisse, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Implikationen)?

In einem Projekt untersuchte ich, wie das Gehirn von Babys auf die natürlichen Rhythmen der Sprache reagiert, wie den durch Silben und Betonungsmuster erzeugten Takt. Dazu verwendete ich die Elektroenzephalografie (EEG). Dabei wird dem Baby eine Kappe (ähnlich einer Badekappe) mit Sensoren aufgesetzt, um winzige elektrische Signale des Gehirns aufzuzeichnen. So können wir beobachten, wie das Gehirn auf das reagiert, was das Baby hört und sieht. Ich zeigte zehn Monate alten Babys Videos von sprechenden Personen und maß ihre Gehirnaktivität. Ich stellte fest, dass die Gehirnaktivität von Babys mit dem Sprachrhythmus übereinstimmt oder ihm „nacheifert“. Besonders wichtig war meine Erkenntnis, dass Babys, deren Gehirn im Alter von 10 Monaten dem Sprachrhythmus genauer folgte, im Alter von 18 Monaten tendenziell mehr Wörter kannten. Dies deutet darauf hin, dass das frühzeitige Erkennen rhythmischer Muster in der Sprache eine Rolle beim Spracherwerb von Babys spielt.

Was hat Sie zu Ihrem Forschungsthema inspiriert?

Ich finde es faszinierend, wie Babys innerhalb weniger Jahre vom Verständnis keines einzigen Wortes zu vollständigen Sätzen gelangen. Es ist ein so komplexer Prozess, der aber so natürlich abläuft. Nachdem ich im Rahmen meines Studiums mehr über die Entwicklung von Gehirn und Sprache gelernt hatte, interessierten mich besonders die Faktoren, die zu dieser rasanten und mühelosen Entwicklung beitragen. Das hat mich dazu gebracht, näher zu erforschen, wie visuelle und soziale Signale den frühen Spracherwerb prägen und wie das Gehirn diese verschiedenen Informationsquellen verknüpft.

Können Sie einen Moment besonderer Herausforderung oder eines Scheiterns während Ihrer Promotion schildern und wie Sie diese bewältigt haben?

Eine große Herausforderung während meiner Promotion war der Ausbruch der COVID-19-Pandemie. Ich wollte gerade mit der Datenerhebung für eine meiner Studien beginnen, als plötzlich alles stillstand. Monatelang konnten wir keine Babys im Labor testen, und es herrschte große Unsicherheit darüber, wann es wieder weitergehen würde. Als wir endlich wieder testen durften, mussten wir unsere Studienabläufe nochmal überdenken. Wir trugen Masken, beschränkten den Kontakt und ersetzten sogar unsere übliche Seifenblasen-Routine, mit der wir die Babys beim Aufsetzen der EEG-Kappe beruhigten, durch eine Seifenblasenmaschine – so blieb es unterhaltsam und gleichzeitig sicher! Rückblickend war es ein ungewöhnlicher, aber prägender Abschnitt meiner Doktorarbeit – er zeigte mir, wie wichtig es ist, sich Herausforderungen anzupassen und weiterzumachen, auch wenn die Dinge nicht so laufen wie geplant.

Was möchten Sie als Nächstes tun?

Ich bin zurzeit Postdoktorandin am Institut für Kognitive Neuropsychologie an der Universität Tilburg. Meine Arbeit konzentriert sich darauf, wie wir Sprache in herausfordernden Hörsituationen verarbeiten, beispielsweise bei einem Gespräch in einem lauten Café. Ich untersuche, wie das Gehirn mit schwer verständlicher Sprache Schritt hält, auf welche zusätzlichen Signale wir uns verlassen, wie etwa das Sehen eines Gesichts, und wie sich diese Fähigkeiten von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter entwickeln.