Man hat es vielleicht schon mal gehört: Die Gehirnentwicklung soll mit 25 abgeschlossen sein – und danach nur noch bergab gehen. Zum Glück stimmt das nicht. Zwar reifen einige Hirnareale bis Mitte 20 aus, aber das Gehirn lernt und verändert sich das ganze Leben lang.
In unserem vorherigen Blogbeitrag haben wir darüber gesprochen, dass jedes Gehirn ein bisschen anders ist und dass sogar die neuronalen Vernetzungen von Person zu Person variieren können. Eine mögliche Ursache für diese Unterschiede ist, wie das Gehirn im Laufe der Zeit wächst und sich umgestaltet.
In der Kindheit knüpft das Gehirn unzählige Verbindungen – mehr, als es braucht. Mit der Zeit behält es diejenigen Verbindungen, die oft genutzt werden, und gibt die übrigen auf. Dieser Prozess schafft spezielle Zeitfenster, sogenannte „sensible Phasen“, in denen das Lernen leichter fällt. Das ist einer der Gründe, warum Kinder neue Fähigkeiten wie Musik oder Sprachen oft so schnell erlernen.
Aber das Gehirn stagniert nicht nach der Kindheit. Auch im Erwachsenenalter oder später im Leben kann es neue Wege finden, Probleme zu lösen. Wenn ein bestimmter Weg nicht optimal funktioniert, schlägt das Gehirn einen Umweg ein und nutzt dabei andere Hirnregionen, um dieselbe Aufgabe zu erfüllen.
Eine Studie untersuchte das Erinnerungsvermögen älterer Erwachsener. Dabei zeigte sich, dass sie sich stärker auf den vorderen Teil des Gehirns (den präfrontalen Cortex) verlassen und diese erhöhte Aktivität mit einem besseren Gedächtnis einhergeht. Gleichzeitig war ein tieferliegender, für das Gedächtnis relevanter Bereich (der mediale Temporallappen) weniger aktiv – ein Hinweis darauf, dass der vordere Teil des Gehirns einspringt, wenn andere Bereiche an Leistungsfähigkeit verlieren.
Wahrscheinlich haben viele von uns diese Flexibilität des Gehirns schon selbst erlebt. Vielleicht bei einem neuen Hobby, einem Berufswechsel oder einer neuen Routine im Erwachsenenalter. Solche Situationen stellen die Anpassungsfähigkeit des Gehirns unter Beweis. In einer Studie lernten Erwachsene das Jonglieren, und nach dem Training zeigten ihre Gehirnscans Veränderungen in der neuronalen Vernetzung.
Nein, das Gehirn ist mit 25 noch lange nicht ausgereift. Es ist nicht nur darauf ausgelegt zu funktionieren, sondern auch darauf, sich ständig weiter zu verändern.
Empfohlene Lektüre
- Cox SR, Ritchie SJ, Tucker-Drob EM, Liewald DC, Hagenaars SP, Davies G, Wardlaw JM, Gale CR, Bastin ME, Deary IJ. Ageing and brain white matter structure in 3,513 UK Biobank participants. Nat Commun. 2016 Dec 15;7:13629. doi: 10.1038/ncomms13629. PMID: 27976682; PMCID: PMC5172385.
- Deng, L., Stanley, M. L., Monge, Z. A., Wing, E. A., Geib, B. R., Davis, S. W., & Cabeza, R. (2020). Age-Related Compensatory Reconfiguration of PFC Connections during Episodic Memory Retrieval. Cerebral Cortex (New York, NY), 31(2), 717–730. https://doi.org/10.1093/cercor/bhaa192
- Scholz J, Klein MC, Behrens TE, Johansen-Berg H. Training induces changes in white-matter architecture. Nat Neurosci. 2009 Nov;12(11):1370-1. doi: 10.1038/nn.2412. Epub 2009 Oct 11. PMID: 19820707; PMCID: PMC2770457.
