Der unendliche Raum in unserem Kopf: Die Entstehung von konzeptionellem Raum

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Manche SchriftstellerInnen sind ihrer Zeit voraus. Als Jules Verne 1865 ‘From the Earth to the Moon’ (Von der Erde zum Mond) veröffentlichte, dachten nicht viele seiner LeserInnen (vielleicht nicht einmal Verne selbst), dass die Reise zum Mond jemals Realität werden würde. Doch es kam so. In der Wissenschaft findet man mehr solche Geschichten. Die Kernaussage einer Idee entsteht unter Umständen als Metapher, ein Weg das Objekt der Studie selbst besser zu verstehen, eine verrückte Hypothese darüber, wie die Dinge sein könnten. Diese Blog Serie erzählt eine solche Geschichte. Die Grundidee ist, dass die Konzepte die wir in unserem Kopf haben einen Raum formen, einen konzeptionellen Raum. Und das nicht nur auf einem abstrakten theoretischen Weg, sondern wortwörtlich. Aber lasst uns mit der Grundfrage beginnen: Was ist ein Konzept?

Wir Menschen wissen viele Dinge. Um über die Welt um uns herum nachdenken zu können und komplexe Ideen hervorzubringen über Dinge die wir wahrnehmen und tun (wie eine Reise zum Mond), brauchen wir mentale Bausteine. Diese Bausteine sind das, was WissenschaftlerInnen Konzepte nennen. In der kognitiven Wissenschaft betrachten wir Konzepte als mentale Kategorien. Beispiele für Konzepte sind Erde, Mond, Raumfähre, reisen. ‘Mentale Kategorien’ hört sich vielleicht ausgefallen oder kompliziert an, läuft aber auf nur zwei Ideen hinaus.

Zuerst, warum sind Konzepte mentale Konstruktionen? Weil Konzepte nicht die Dinge selbst sind. Das Konzept eines Schuhs ist kein Schuh, sondern eine mentale Repräsentation, eine mentale Kopie der Dinge, die wir in der Welt als Schuhe wahrnehmen. Zweitens, warum sind Konzepte Kategorien? Weil sich ein Konzept (normalerweise) nicht nur auf eine einzelne Einheit bezieht. Das Konzept eines Schuhs betrifft alle Dinge in der Welt die als Schuh zählen, nicht nur unser Lieblingspaar Schuhe.

Ohne Konzepte wären komplexe Gedanken kompliziert, wenn nicht unmöglich. Konzepte sind auch extrem hilfreich um unsere Gedanken zu kommunizieren, besonders in Kombination mit Sprache. In der Tat könnte man sich jetzt fragen, ob Konzepte und Wörter das gleiche sind. Sie stehen zwar in Zusammenhang, sind aber verschieden. Wörter sind Verknüpfungen, Wegweiser zu Konzepten. Wenn ich das Wort “Hund” sage, ruft es (in dir und mir) viel zusammenhängendes Wissen über eine Kategorie von Einheiten hervor (alle, die wir als Hund bezeichnen) und wie sie zu anderen Einheiten stehen (Cockerspaniel, Katzen, Säugetiere, Tiere, etc.): das Konzept Hund. Auf diese Weise führt jedes Wort zu einem Konzept (manchmal sogar mehr als nur eins), aber nicht jedes Konzept ist durch ein Wort bezeichnet. (Wie zum Beispiel das niederländische Wort “gezelligheid”. Dieses Wort hat keine direkte Übersetzung in vielen Sprachen. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass eine Person die kein Niederländisch spricht, kein Konzept von gezelligheid haben kann.
Aber wie genau bestehen Konzepte in unserem Kopf?

Da die Bedeutung eines Wortes eine gute Annäherung zu einem Konzept ist, könnte man denken, dass Konzepte in etwa wie Wörterbucheinträge sind. Lange Zeit haben PhilosophInnen und PsychologInnen so über Konzepte gedacht. Wenn wir das Wort “Schuh” hören, so dachte man, schlagen wir dessen Bedeutung in einem gigantischen Wörterbuch nach das in unserem Kopf lebt, welches wir wiederum abgleichen mit den Dingen die wir in der Welt sehen.

Allerdings hat die Wissenschaft seither gezeigt, dass es nicht ganz richtig ist, Konzepte als Wörterbuch Definitionen zu sehen. Erstens benötigen solche Definitionen Sprache, was problematisch ist, da wir mittlerweile wissen dass nichtmenschliche Lebewesen auch Konzepte haben können, obwohl sie keine Sprache haben um diese zu definieren. Erdmännchen machen zum Beispiel bestimmte Laute für unterschiedliche Arten von Gefahr (Vögel, Schlangen), also müssen sie entsprechende mentale Kategorien dafür haben, die jedoch nicht aus Definitionen bestehen können. Eine Vielzahl an Beweisen hat auch gezeigt, dass Babys die noch keine Sprache gelernt haben trotzdem bereits Konzepte in ihren Köpfen herumspringen haben. Wenn man ihnen zum Beispiel zwei Bilder von entweder Katzen oder Hunden zeigt, und später zwei Bilder von einer Katze und einem Hund, schauen drei und vier Monate alte Babys länger auf das neue Tier. Das deutet darauf hin, dass sie eine Kategorie – ein Konzept – für das bekannte Tier gebildet haben.

Zweitens stehen Konzepte in sehr systematischer und hoch automatisierter Art in gegenseitigem Zusammenhang. Wenn ich “Hund” sage, aktiviert dein Gedächtnis nicht nur das Konzept Hund, sondern auch viele andere Konzepte die eng damit verbunden sind, wie zum Beispiel Katze, Leine, Fell, usw. Wenn man dagegen ein Wort im Wörterbuch nachschlägt, zeigt es nicht automatisch alle Definitionen für zusammenhängende Wörter.

Demnach ist die Vorstellung von Wörterbucheinträgen keine gute Darstellung davon, wie Konzepte in unserem Kopf bestehen.
Wie sollen wir uns dann vorstellen, wie Konzepte in unserem Kopf leben? Eine bahnbrechende Antwort auf diese Frage kam 1957, als die Psychologen Charles Osgood, George Suci, und Percy Tannenbaum ein aufschlussreiches Buch veröffentlichten: The measurement of meaning (“Das Messen von Bedeutung”). Zwei radikale Ideen aus diesem Buch sollten einen ewigen Einfluss auf die wissenschaftliche Studie von Konzepten haben.

Einerseits schlugen sie vor, dass Bedeutung gemessen, quantifiziert und auf mathematischem Weg behandelt werden kann. Noch heute runzeln Leute skeptisch ihre Stirn wenn ich ihnen sage, dass ihre Ideen und Konzepte quantifiziert werden können. Und doch sind wir alle Zeugen davon: es ist genau das, was Google und andere Technologie Giganten ständig tun. Der Grund warum moderne Suchmaschinen und automatisierte Übersetzung funktionieren, ist weil sie Bedeutung quantifizieren. (Sie tun das indem sie Konzepte als lange Aneinanderreihung von Nummern ausdrücken, aber mehr dazu in einem späteren Blogartikel.)
Zu zeigen, dass Bedeutung quantifizierbar ist, ist radikal. Aber an und für sich hätte es einfach eine sehr praktische Auffassung sein können, nützlich für Computer IngenieurInnen anstatt jene die verstehen wollen, wie Konzepte im Gedächtnis funktionieren. Die zweite Idee die Osgood und seine Kollegen vorstellten, war mehr theoretischer Natur: Konzepte formen Räume.

Osgood forderte die LeserInnen zu folgendem auf: “Stelle dir einen hypothetischen semantischen Raum von unbekannter Anzahl an Dimensionen vor. […] Die Bedeutung eines jeden Konzeptes könnte durch einen Vektor vom Ausgangspunkt her repräsentiert werden.”
Voilà, die Geburtsstunde von konzeptionellem Raum. Schlüsseln wir es nochmal auf.

Warum Raum? Raum ist hier ein mathematischer Begriff. Denken wir zurück an den Geometrie Unterricht, ein Koordinatensystem zeichnen, den Ursprung, die Vektoren. Dieses Raster formt einen Raum und jeder Punkt in diesem Raum ist durch seine Koordinaten definiert. Wenn man einen kurzen Ausflug in die Lineare Algebra gemacht hat, hat man unter Umständen gelernt, dass sich die geometrische Ansicht unserer gewohnten zwei oder drei Dimensionen nahtlos zu unendlich vielen Dimensionen erweitert. Obwohl uns die Fähigkeit fehlt, mehr als drei oder vier Dimensionen zu veranschaulichen, sind die geometrischen Eigenschaften allgemein gültig: Wir können Distanzen definieren, Punkte, Vektoren, und Regionen in beliebig vielen Dimensionen.

Und warum konzeptionell? Osgood und seine Kollegen schlugen folgendes vor: Was wenn man die Bedeutung eines jeden Wortes in einem konzeptionellen Raum quantifiziert, indem man es anhand für das Konzept relevanter Dimensionen einstuft? Eine Dimension wäre zum Beispiel ob ein Konzept Teil von etwas lebendigem oder nicht lebendigem ist. Obwohl diese Dimension zuerst aus zwei Einheiten bestehen zu scheint (etwas ist entweder lebendig oder nicht), denken wir Menschen bei Lebendigkeit eher an ein Spektrum. Ein Schuh befindet sich zum Beispiel eindeutig am nicht lebendigen Ende, während eine Person eindeutig lebendig ist. Aber was ist mit einem Insekt? Wenn man eine Skala bietet, bewerten Menschen Insekten als “weniger lebendig” als ein Hund, aber mehr als Pflanzen. Das ist nur ein Beispiel einer Dimension. Man kann sich unendlich viele solcher Zusammenstellungen von Dimensionen ausdenken. Osgood und seine Kollegen haben Bewertungen vieler verschiedener Konzepte in zahlreichen Dimensionen von Menschen erfasst (gut-schlecht, freundlich-gemein, sauber-schmutzig, albern-weise).

Die Hauptaussage die ich euch hiermit auf den Weg geben will ist nicht, dass Osgood und seine Kollegen die richtigen Dimensionen gefunden haben (diese werden wahrscheinlich niemals gefunden werden), sondern eher, dass sie den Samen für die Idee gepflanzt haben, dass Konzepte als Punkte in konzeptionellem Raum definiert werden können. Die Idee eines konzeptionellen Raums erfasst nahtlos (und mathematisch) die natürliche Ähnlichkeit die wir zwischen benachbarten Konzepten wie Katze und Hund sehen. Diese zwei Konzepte teilen sehr ähnliche Werte auf vielen Dimensionen. Demnach sind sie im konzeptionellen Raum als nah beieinander liegende Punkte definiert. Das ist eine Stärke der Metapher von Konzepten als Punkte in einem multi-dimensionalen konzeptionellen Raum: sie erfasst auf natürliche Art und Weise unsere Intuitionen darüber, was ähnliche Konzepte sind.

Im nächsten Teil dieses Blogs nehmen wir alle psychologischen Beweise durch, die Osgood und Kollegen in deren Auffassung von konzeptionellem Raum unterstützen. Im dritten und letzten Teil dieser Serie werde ich die neurowissenschaftlichen Beweise erläutern, die darauf hinweisen, dass die Rede über konzeptionellen Raum nicht nur eine Metapher ist, sondern die Konzepte im Gehirn tatsächlich so funktionieren. Seid gespannt!

Zum Weiterlesen
Osgood, C. E. (1971). Exploration in semantic space: A personal diary. Journal of Social Issues, 27(4), 5–64. https://doi.org/10.1111/j.1540-4560.1971.tb00678.x

 

Autor: Guillermo Montero Melis
Redakteur: Natascha Roos
Niederländische Übersetzung: Inge Pasman
Deutsche Übersetzung: Fenja Schlag, Natascha Roos
Endredaktion: Eva Poort, Merel Wolf

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