Stellen Sie sich zwei Walnüsse vor. Auf den ersten Blick sehen sie fast identisch aus. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man Unterschiede in Form, Textur und Farbe. Genauso verhält es sich mit unseren Gehirnen. Sie folgen zwar einem gemeinsamen Bauplan – Windungen, Zellen und Verbindungen –, aber die Details variieren von Mensch zu Mensch.
Vor über hundert Jahren untersuchten Ärzte Gehirne nach dem Tod und stellten fest, dass keine zwei Gehirne exakt dasselbe Muster aus Windungen und Furchen aufwiesen. Heute zeigen Gehirnscans, wie tiefgreifend diese Unterschiede sind – von den kleinsten Bausteinen bis hin zu den langen Nervenfasern, die Signale durch das Gehirn leiten.
Lange Zeit betrachteten Wissenschaftler diese Unterschiede als kleine Fehler – zufälliges Rauschen, das die eindeutigen Daten verfälschte. Doch heute wissen sie, dass diese Vielfalt das Gehirn so leistungsstark und anpassungsfähig macht.
Nehmen wir zum Beispiel den Fasciculus arcuatus, ein Nervenbündel im Gehirn, das ein Rockstar der Sprachforschung ist. Wird dieses Bündel in der linken Gehirnhälfte beschädigt, kann es zu Sprach- und Sprachverständnisproblemen kommen. Doch es gibt eine überraschende Erkenntnis: Manche Menschen erholen sich schneller als andere. Wissenschaftler verstehen die genauen Gründe dafür noch nicht vollständig, haben aber beobachtet, dass Menschen mit einem stark ausgeprägten Fasciculus arcuatus auf der rechten Seite oft schneller genesen. Dieser könnte wie ein eingebautes Backup-System wirken.
Wenn wir verstehen, dass jedes Gehirn ein bisschen anders ist, ergibt es Sinn, dass auch jede Genesung anders sein wird. Dies eröffnet die Möglichkeit, jedem Menschen so zu helfen, wie es am besten zu ihrem Gehirn passt.
Empfohlene Lektüre
Forkel SJ, Thiebaut de Schotten M, Dell’Acqua F, Kalra L, Murphy DG, Williams SC, Catani M. Anatomical predictors of aphasia recovery: a tractography study of bilateral perisylvian language networks. Brain. 2014 Jul;137(Pt 7):2027-39. doi: 10.1093/brain/awu113. PMID: 24951631.
